Eine Reise durch Norwegens Süden von Kristiansand über Bergen bis Oslo. 
Atemberaubend schöne Landschaften, gelassene Menschen und eine uns unbekannte Stille. So könnte die Kurzbeschreibung Norwegens lauten. „Europas Kanada“ nennen es andere. In der Regel hört man weder Flugzeuge noch Autos, nur den Wind in den Bäumen, reißende Flüsse oder tosende Wasserfälle und den Gesang der Vögel. Zahllose Seen und wilde Flüsse, die sich ihren Weg durch unberührte Wälder und saftige Wiesen gebahnt haben, finden sich überall und sind in allen Variationen zu bestaunen.

Vor der Westküste Norwegens fließt der Golfstrom, der warmes Wasser vom Süden heranträgt. Dadurch ist das Klima dort relativ mild und warm, wenn auch feucht. So zählt Bergen zu den regenreichsten Städten Europas. Die Fjorde reichen bis zu mehreren hundert Kilometern ins Land und wer nicht an Höhenangst leidet, hat auch kein Problem damit, an den steilen Abhängen zu stehen und viele hundert Meter unter sich aufs Wasser zu schauen. Wer dort oben steht und weit unten Schiffe wie in Zeitlupe die bunten Dörfer anfahren sieht, während der Wind die Frisur zerzaust, der vergisst jede Hektik und allen Stress. Manche Norweger berichten von Touristen, die im Urlaub ihre Medizin getrost im Kulturbeutel lassen. Die wohltuende Ruhe und die überwältigenden Eindrücke, die man täglich sammelt, tragen zur natürlichen Genesung bei. Norwegen macht gesund.

Das Land ist im Westen bergig und entwickelt sich zu einer hügeligen Landschaft im Osten. Einige der Gipfel liegen jenseits der 2.000-Meter-Grenze. Selbst im Sommer sind die in den Höhen gelegenen Seen zugefroren und die engen Straßen dorthin verschneit. Auf dem Weg zu diesen weiten Schneelandschaften kreuzen freilaufende Schafe mit ihren Jungen den Weg und verlangen nach etwas Aufmerksamkeit. Noch lieber sind ihnen Salzstangen oder was man sonst noch Essbares dabei hat. Das norwegische Schaf ist nicht wählerisch.

Bunte Dörfer und Städte

Typisch für Norwegen sind die bunten Dörfer und Städte. Fast jedes der Holzhäuser, die je nach Bedarf auch mal abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden, trägt eine andere Farbe. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es sich nicht gehört, zwei Häuser in der gleichen Farbe zu streichen. Die verträumten, fast menschenleeren Orte, die von hohen Felswänden beschützt in grünen Tälern liegen, muten bisweilen wie Geisterstädte an. Häufig handelt es sich um Ferien- oder Wochenendhäuser, die nur ab und zu bewohnt sind, denn fast ein Drittel der Norweger besitzt neben einem Eigenheim auch noch ein Haus im Gebirge oder am See.

Wer die gesamte Schönheit und Freiheit dieses eindrucksvollen Landes kennenlernen möchte, der muss mobil sein. Die über 1.000 Campingplätze von Kristiansand bis zur 196 km langen russischen Grenze hoch im Norden sind in eine 5-Sterne-Systematik eingeteilt und bieten alles, was der erfahrene Caravaner und Reisemobilist erwartet. Und noch ein bisschen mehr: himmlische Ruhe, fantastische Lagen und vorbildliche Sauberkeit. So macht Caravaning Spaß.

Die Fähre von Hirtshals in Dänemark nach Südnorwegen braucht etwas mehr als drei Stunden. Die Überfahrt genießen wir bei köstlichen Meeresfrüchten im Panoramarestaurant im Bug des Schiffs. Die See ist ruhig und in etwa 20 Metern Höhe haben wir den Eindruck, über das Wasser zu schweben. Mit 27 Knoten, genau 50 Kilometern pro Stunde, nähern wir uns Norwegen und einem unvergesslichen Sonnenuntergang. Um Mitternacht erreichen wir den Hafen von Kristiansand, während uns die Sonne immer noch nicht ganz verlassen hat.

Zum Campingplatz sind es noch 70 Kilometer, die wir auf der RV 9 zurücklegen, der Autobahn Richtung Norden. Die idyllische Landstraße führt uns vorbei an ruhigen Seen und unruhigeren Flüssen, durch dunkle Nadelwälder und hell erleuchtete Dörfer.

Olav Neset, der Besitzer des Vier-Sterne-Campingplatzes (www.neset.no) und gleichzeitig Sprecher der norwegischen Campingplatzbesitzer, empfängt uns in perfektem deutsch und mit einem kühlen Bier. So richtig ist uns noch nicht nach Schlafen zumute, denn die Sonne, von der wir annahmen, dass sie sich mit uns hinlegen würde, scheint jetzt wieder heller. Um 1.00 Uhr stehen wir in den nächtlichen Sonnenstrahlen am Ufer des Campingplatzes und blicken stumm auf den spiegelglatten Fjord. Obwohl wir erst seit etwas mehr als 60 Minuten hier sind, stellt sich schon so etwas wie Erholung ein.

Mineralienpark

Am nächsten Morgen zeigt uns Olav, wo und was man alles in der Region um Setesdal und Evje unternehmen kann. Vegard Hanson zum Beispiel zeigt uns seinen Mineralienpark (www.mineralparken.no), in dem die farbenfrohesten Kristalle in unterschiedlichsten Formen aus aller Welt in eigens dafür angelegten unterirdischen Gängen ausgestellt werden.

Einige Kilometer weiter in Flat klettern wir in eine 440 Meter tiefe Grube, in der zwischen 1840 und 1946 Nickel gefördert wurde (www.flaatgruve.com). Die Mine ist feucht und kalt und vermittelt sehr anschaulich, wie hart das Arbeitsleben der Kumpel damals gewesen sein muss – ohne elektrisches Licht und ohne motorbetriebenes Werkzeug. Der Weg vorbei an der Grube führt uns zu einem Steinbruch, in dem sich Besucher selbst auf Mineraliensuche begeben können. Ein Zertifikat, das im Kiosk nebenan ausgegeben wird, bestätigt den erfolgreichen Tagesausflug in die Geologie.

Vom extremen Outdoor bis zum gemächlichen Freizeitsport

Wer sich sportlich austoben und unvergessliche Momente inmitten rauer Natur erleben möchte, der kommt an „Trollaktiv“ nicht vorbei. Etwas nördlich von Evje gelegen, bieten Tim Davis und Gjertrud Forgard Outdoor-Aktivitäten der Sonderklasse an. Im Umkreis von fünf Kilometern können 20 verschiedene Angebote wahrgenommen werden, die sich von magenkribbelndem Wildwasserrafting, Klettern, Angeln, Gokartfahren über Inlineskaten, Paintball schießen, Teambildungsevents bis hin zu Biber- und Elchsafaris erstrecken. Außerdem hält das Gelände Übernachtungsmöglichkeiten in Hütten oder Spitzzelten, den Lavvos, mit Feuerstellen bereit. Ob extremer Outdoor- oder etwas gemächlicherer Freizeitsportler, hier ist wirklich für jeden etwas dabei (www.trollaktiv.no).

Lysefjord

Kurz nach Rysstad verlassen wir unsere liebgewordene RV 9 Richtung Westen. Ziel ist das Lysefjord, wo wir in fünf Stunden zum Kjeragplateau und dem fünf Kubikmeter großen Felsbrocken wandern wollen, der eingekeilt in 1.000 Metern Höhe zwischen zwei Felswänden klemmt (www.lysefjordeninfo.no). Unser Reisemobil strengt sich hörbar an, um die enge, steile Straße zu meistern. Engpässe bei entgegenkommendem Verkehr lösen sich wie von selbst durch rücksichtsvolles Fahren und einen entspannten Gruß durch die Windschutzscheibe auf. Die 80 Kilometer zum Fjord liegen deutlich über 1.000 Meter und leiten uns durch verschneite Landschaften und angefrorene Seen. Im Winter ist diese Straße nicht passierbar.

Der Marsch, bei dem wir mehrere hundert Höhenmeter zurücklegen, hinterlässt auch bei den körperlich besser trainierten von uns leichte Spuren. Festes Schuhwerk, ausreichend Getränke und – wenn möglich – viel Zeit sollte jeder mitbringen, der diese Exkursion antreten möchte.

Wieder bei unseren Reisemobilen (Wohnmobilen) angekommen, verabschiedet sich Olav von uns. Zwei Tage lang hat er uns in aller Seelenruhe sein Land gezeigt, hat uns auf seinem Motorboot mitgenommen und uns bereitwillig Rede und Antwort gestanden, wenn wir die letzten Neuigkeiten aus der Welt der Trolle wissen wollten. Vor allem aber hat er uns gezeigt, wie ein entspannter und zufriedener Norweger lebt.

Der Obstgarten Norwegens

Aus dem „Obstgarten Norwegens“, wie der Hardangerfjord 300 Kilometer weiter nördlich genannt wird, stammen 40 Prozent der norwegischen Produktion (www.hardangerfjord.com). Vor allem werden hier Äpfel, die im 12. Jahrhundert von englischen Mönchen kultiviert wurden, und Süßkirschen angebaut. Nicht umsonst wird hier jährlich in dramatischen Wettkämpfen der norwegische Meister im Kirschkernweitspucken ermittelt. Der letzte Champion hat den kleinen Fruchtstein angeblich beachtliche 14,24 m durch die Luft gespieen. Ruhige Campingplätze für Caravans oder Reisemobile finden sich auch in Kinsarvik und Lofthus entlang des Fjords (www.kinsarvikcamping.no und www.lofthuscamping.no).

Hanseviertel Bryggen

120 Kilometer weiter sind wir zu Gast in Bergen und dem weltbekannten Hanseviertel Bryggen, das 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. Mit der Seilbahn gelangen wir zum charmanten Aussichtsrestaurant 300 Meter über der Stadt. Wäre Bergen nicht die regenreichste Großstadt Europas, der Blick auf die mächtigen Schiffe im Hafen wäre noch schöner. Aber das Wetter gehört genauso zur Stadt wie ihr wahrscheinlich berühmtestes Kind, der Komponist Edvard Grieg.

Wer Bergen mit dem Reisemobil oder Caravan bereisen möchte, sieht sich mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert wie in jeder anderen Großstadt auch. Ist aber erst einmal ein Parkplatz gefunden, lassen sich die zahlreichen Museen, Kirchen, Festungen und natürlich der typische Fischmarkt leicht zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erkunden.

Der Lærdalstunnel –
24,5 Kilometer unter der Erde

Über Dale und Voss erreichen wir den Lærdalstunnel, mit 24,5 Kilometern der längste Straßentunnel der Welt. Um die Konzentration der Autofahrer aufrecht zu erhalten, wurden alle paar Kilometer kleine Hallen in den Fels geschlagen, die mal rot, mal blau beleuchtet werden. Wer Gefahr läuft, unaufmerksam zu werden, wird durch die überraschenden Höhlen schnell wieder wach.

Längster Fjord Europas
und tiefster Fjord der Welt

Der Ort Lærdal liegt geschützt durch hohe Felswände am Sognefjord, mit 204 Kilometern der längste Fjord Europas und mit 1.308 Metern der tiefste der Welt. Wer sich für Fische interessiert, kann sich im norwegischen Wildlachsmuseum in unmittelbarer Nähe des Campingplatzes „Ferie- & Fritidspark“ (www.laerdalferiepark.com) über die lange Tradition des Lachsfangs informieren.

Stabkirchen aus dem
12. und 13. Jahrhundert

In Borgund steht die am besten erhaltene von 28 noch existierenden Stabkirchen. Das sind Holzkirchen, die im 12. und 13. Jahrhundert in der Übergangszeit von der heidnischen Religion zum Christentum gebaut wurden. Auf den in- und übereinander gestaffelten Dächern sind entweder Kreuze oder Fantasiegeschöpfe zu sehen. Die Grabmale im Garten der Kirche verstärken den Gesamteindruck, dass man vor einem mystischen Gebäude aus einer alten Wikinger-Saga steht. Besucher werden gebeten, sich besonders vorsichtig zu bewegen und die Gebetshäuser pfleglich zu behandeln. Der große touristische Ansturm hinterlässt Spuren an dem einmaligen Erbe aus dem Mittelalter.

Heimreise

Leider geht auch diese Reise irgendwann einmal zu Ende. Und so machen wir uns auf den Weg nach Oslo, wo am übernächsten Tag unsere Fähre nach Kiel ablegen soll. Auf dem Campingplatz in Gol (www.golcamp.no) machen wir Zwischenstation und entsorgen unser Grau- und Schwarzwasser.

Von Oslo bringt uns eine schwimmende Stadt in 20 Stunden zurück nach Kiel. Weitere fünf Stunden später fährt mein ICE im Frankfurter Hauptbahnhof ein. Noch bevor ich das Ende des Bahnsteigs erreiche, werde ich dreimal von hektischen, rennenden Menschen angerempelt. Ich will gerade in ein Taxi steigen, als eine Dame vor mir ins Auto springt und die Tür zuschlägt. Der Taxifahrer gibt Gas und verschwindet im hupenden Berufsverkehr.

Als ich den beiden hinterher schaue, muss ich an die atemberaubend schöne Landschaft, die gelassenen Menschen und die erholsame Stille Norwegens denken. An die wilden Flüsse und die tosenden Wasserfälle. Und daran, wer wohl gerade die freilaufenden Schafe und ihre Jungen füttert …

Erleben Sie erste Eindrücke

Die Route zum Nachverfolgen

Das aktuelle Wetter

Die Fähren der Colorline fahren ganzjährig von Kiel oder Hirtshals (DK) nach Kristiansand, Larvik und Oslo. Überfahrten können im Reisebüro, übers Internet oder telefonisch gebucht werden. Sonderaktionen und Sparpakete für Reisemobile und Caravans sind ebenfalls verfügbar.

Color Line GmbH
24121 Kiel
www.colorline.de
Telefon: 0431-7300-300 oder 0431-73000

Allgemeine Informationen über Norwegen erhalten Sie unter der offiziellen Norwegen-Seite:

Innovation Norway
ABC-Straße 19
20354 Hamburg
Telefon: 0180-5001548 (0,14 Euro/Min.)

www.norwegen.no oder www.visitnorway.de

Infos über Campingplätze in Norwegen finden Sie in den bekannten Campingführern oder im Internet unter:

www.camping.no

Text: Christoph Sambel/
Fotos: Joachim Sterz