Besondere Stellplätze in Litauen, Lettland und Estland

Flüsse, Seen... und einsame Höfe

In den letzten Jahren sind Litauen, Lettland und Estland auch bei Caravaning-Fans immer beliebter geworden. Doch wo übernachten? Seit über 20 Jahren ist Oliver Lück in seinem Wohnmobil in Europa unterwegs. Hier stellt der Buchautor und Reisejournalist besondere baltische Stellplätze vor: Orte, die an der Ostsee, an Seen, an Flüssen und in Nationalparks liegen. Oder auf den einsamen Höfen von Familien.

Jūrmalciems

Jūrmalciems

56.308810 N, 20.985388 E

Das kleine Schild ist leicht zu übersehen. Dabei ist es fast neu, das Holz leuchtet noch. Es ist noch nicht so stark verwittert und grau wie die Hütten und Häuser hier an Lettlands südlicher Ostseeküste. Mārcis und sein Vater haben den Wegweiser geschnitzt und vor zwei Sommern aufgestellt. Doch wer unaufmerksam ist oder zu schnell auf der staubigen und mit tiefen Löchern gepflasterten Dorfpiste fährt, bemerkt den Pfeil, die Entfernungsangabe 500 m und die drei Symbole für Camping, Parkplatz und Strand gar nicht – und rast vorbei.

Dabei lohnt sich das Abbiegen: Der verschlungene Pfad führt zunächst an verlassenen Höfen und neugebauten Sommerhäusern vorbei hinein in ein Kiefernwäldchen. Und immer wenn man denkt, man hat sich nun doch verfahren und es geht nicht mehr weiter, geht es doch weiter. Und dann liegt der Wald hinter einem und man steht auf dem Hof der Familie Kalnenieks. Urlauber, die mit Fahrrad und Zelt oder mit dem Wohnmobil im Baltikum unterwegs sind, suchen genau solche Plätze: Orte, wo nichts ist und wo man für wenig Geld übernachten darf. Ein Haufen Heu. Ein Schuppen. Das Haus der Familie. Das Gewächshaus. Und die frisch gemähte Wiese für die Gäste, die vielleicht kommen werden. Zwischen Stellplatz und dem Strand liegt nur noch die Düne.

Letzten Sommer waren vielleicht 30 Gäste da, „eher weniger“, erzählt Mārcis, „das sind nicht viele, ich weiß, aber wir testen ja noch. Es gibt ja auch keinen Luxus bei uns.“ Gehacktes Holz für das Lagerfeuer. Ein Plumpsklo. Eine Mülltonne. Sie überlegen, eine kleine Hütte mit Waschmöglichkeiten zu bauen. Mārcis sagt aber auch: „Wir wissen, dass es ein traumhaft schöner und sehr ruhiger Platz ist.“ Seine Familie lebt seit vier Generationen hier.

Stundenlang kann man in Jūrmalciems am Strand laufen und keine Menschen treffen. Im Norden kommt nach zwanzig Kilometern Liepāja, mit ihren 90.000 Menschen die drittgrößte Stadt Lettlands. Im Süden kommt bis zur litauischen Grenze gar nichts mehr. Im Dorf selbst gibt es noch einen kleinen Hafen, eine Räucherei und eine Hand voll Fischer, die gerade so über die Runden kommen. Fragt man die Männer in ihren Ölanzügen, die in einer der Bootshallen ihre Netze flicken, ist kein Klagen zu hören, aber Begeisterung klingt anders.

Es ist wohl so, dass Jūrmalciems zu den eher einsamen Küstenorten Lettlands zählt. Hier verkauft niemand Eis am Strand. Hier riecht es selten mal nach Sonnencreme. Und es kann auch sein, dass man tagelang der einzige Gast auf dem Hof der Kalnenieks ist. Doch die Familie freut sich über jeden Besuch und nimmt gerade einmal fünf Euro die Nacht. Mit GPS nach Jūrmalciems: 56.308810 N, 20.985388 E.

Kap Kolka

57.564411 N, 22.6671 E

Kap Kolka, estnische Insel Ruhnu in Sichtweite

Es gibt unzählige dieser abseits gelegenen Stellplätze im Baltikum. Am lettischen Kap Kolka etwa: Südlich des Dörfchens Ģipka, das nur aus wenigen Häusern besteht, von der Hauptstraße in Richtung Meer abbiegen. Die Schotterpiste führt 500 Meter durch einen Wald bis zu einem versteckt gelegenen Parkplatz direkt an den kilometerlangen Sandstrand. Die estnische Insel Ruhnu liegt in Sichtweite. Ab und an fährt die Passagierfähre nach Riga oder Stockholm vorbei. Das ist alles. Mehr passiert selten. Ein Platz für eine Pause, die nicht enden soll. Die GPS-Koordinaten: 57.564411 N, 22.6671 E.

Gauja

57.308427 N, 25.221265 E

Oder im Nationalpark Gauja: Einfach und gut ist dieser grandiose Campingplatz, der unmittelbar an der Gauja liegt, dem mit rund 450 Kilometer längsten Fluss Lettlands, der auf den Vidzemer Höhen entspringt und nordöstlich von Riga in die Ostsee mündet. Kanuten sprechen gar von einem der schönsten Flüsse Europas. Und die Preise für eine Übernachtung sind unschlagbar günstig – ein Wohnmobil und zwei Personen kosten gerade einmal zwölf Euro (57.308427 N, 25.221265 E).

Estnische Insel Saaremaa
Nationalpark Lahemaa

Saaremaa

58.156814 N, 22.155814 E

Wer über die Grenze nach Estland fährt, wird außerhalb der Städte mehr Elche als Menschen treffen. Zum Beispiel auf der größten estnischen Insel Saaremaa südlich von Möldri, einem Dorf mit 15 Einwohnern: Felsig ist der Strand. Weit kann man über die Ostsee blicken, die hier im Westen liegt. Die Sonnenuntergänge haben Suchtfaktor – gut, dass es Digitalkameras gibt (58.156814 N, 22.155814 E).

Lahemaa

59.650757 N, 25.683960 E

Oder auch Lahemaa, der vielleicht schönste Nationalpark des Landes, der 70 Autokilometer östlich von Tallinn liegt. Südlich des kleinen Ortes Pärispea – auf der gleichnamigen Halbinsel – lassen sich gleich mehrere ideale Plätze für Campingmobile am Meer finden. Wie dieser im Wald am Strand der Hara-Bucht: Versteckt zwischen den Bäumen kann man hier ungestört mehrere Tage verbringen. Die Zeit wird einfach weggeschwemmt (59.650757 N, 25.683960 E).

Soomaa Nationalpark

58.456683 N, 24.993419 E

Im Soomaa Nationalpark, drei Kilometer südlich des Dorfes Riisa, gleich am Ufer der Raudna, die hier in einer längeren Kurve vorbeifließt, findet man Meiekose Saarte, einen einsamen und kostenlosen Campingplatz mit Feuerstelle. Aber Achtung: Führt der Fluss viel Wasser und haben sich weitere Regenfälle angekündigt, kann dieser Ort binnen weniger Stunden überflutet werden. Und: Beeren- und Pilzepflücken wie auch das Fischen sind in manchen Gebieten des Soomaa Nationalparks erlaubt (58.456683 N, 24.993419 E).

Litauen - Nida

Litauen - Nida

55.298659 N, 20.982627 E

Nida

Litauen ist so ganz anders als Estland. Dort gibt es nur einen schmalen Zugang zum Meer, es sind kaum 100 Kilometer Küste. Dementsprechend voll wird es an der Ostsee im Sommer. Dennoch sollte man einen Abstecher auf die Kurische Nehrung unbedingt wagen, die schmale Landzunge, die zur einen Hälfte zu Russland und zur anderen zu Litauen gehört. Gewiss kein Geheimtipp, aber einer der schönsten Campingplätze des Landes und die einzige Übernachtungsmöglichkeit für Wohnmobile auf der Nehrung finden Sie in Nida, das bei deutschen Touristen vor allem durch Thomas Mann bekannt wurde, der hier in den Jahren von 1929 bis 1933 im Sommer in seinem Ferienhaus schrieb. Und wer einen Platz weiter hinten am Rand bekommt, kann aussteigen und gleich loslaufen durch den Kiefernwald zum Meer oder zum Haff – und dort wird es dann schnell ruhiger (55.298659 N, 20.982627 E).

Medaus Slėnis

55.05308 N, 22.56414 E

In Litauen lohnen sich aber vor allem die Abstecher ins Landesinnere: Etwa eineinhalb Autostunden westlich von Kaunas, nahe des Dorfes Siline, hat ein freundlicher Imker – versteckt an einem Wald - einen schönen und vor allem ruhigen Campingplatz angelegt. Er hat ihn Medaus Slėnis genannt – Honigtal. Löwenzahn, Himbeere, Klee, Buchweizen oder Waldhonig natürlich – mehr als zehn Sorten können probiert und direkt auf dem Hof gekauft werden. Die Memel fließt in fußweite. Die Holzsauna wird jeden Abend befeuert. Und die leidenschaftlichen Vorträge über Honig gibt es vom Gastgeber gratis dazu (55.05308 N, 22.56414 E). www.medaus-slenis.lt

Nationalpark Aukštaitija

55.331362 N, 26.105768 E

Und auch der Nationalpark Aukštaitija, ein seen- und waldreiches Gebiet weit im Osten Litauens kann mit Ruhe und Fisch punkten. Rund 30 Kilometer sind es bis zur weißrussischen Grenze. Und der kostenlose Wohnmobilstellplatz im Dörfchen Palūšė liegt am Ufer des Lusiai, einem der größten Seen der Gegend. Es können Kanus und Kajaks gemietet werden. Es darf geangelt werden. Und irgendwann kommt der Moment, da fühlt man sich wie in Finnland (55.331362 N, 26.105768 E).

Litauen-Aukstaitija

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Anreise:

Wer sich für den Wasserweg entscheidet, nimmt die Passagier- und Autofähre Kiel-Klaipeda. Rund einen Tag ist man an Bord und kann seinen Baltikum-Urlaub entspannt in Litauen beginnen. Sechsmal die Woche fährt DFDS Seaways. Die Überfahrt für 2 Personen in einer 2-Bett-Innenkabine kostet in der Hauptsaison rund 500 Euro pro Fahrt, inklusive Wohnmobil mit einer Höhe von 2,35 Metern und einer Länge von 7 Metern (für zwei Personen, inkl. WoMo 4,35 Meter x 10 Meter: 600 Euro). Zwei weitere Möglichkeiten mit der Fähre bieten sich ab Travemünde nach Lettland: Stenaline legt nach Liepaja ab. Die Überfahrt dauert 26.5 Stunden. Für 2 Personen in einer 2-Bett-Innenkabine und einem Wohnmobil mit maximal 10 Metern Länge und 4 Metern Höhe sind es 555 Euro pro einfache Fahrt. Und auch ins 26 Stunden entfernte Ventspils fährt die Reederei: Für 2 Personen in einer 2-Bett-Innenkabine und einem Wohnmobil mit maximal 10 Metern Länge und 4 Metern Höhe sind es 455 Euro pro einfache Fahrt. Aber Achtung: Die Preise variieren stark auf allen Routen. Und es gibt auch weitaus günstigere – wenn auch weniger bequeme – Ruhesessel.

Wer mehr Zeit hat, dem sei auch der Landweg entlang der polnischen Küste und durch die Seenlandschaft von Masuren bis nach Litauen empfohlen. Aber auch eine kombinierte Anreise durch Südschweden und mit der Stenaline-Fähre in zehn Stunden von Nynäshamn, südlich von Stockholm, nach Ventspils (für rund 390 Euro) kann den Weg zum Ziel machen.

Alle Informationen zu den Fähren ins Baltikum unter: www.dfdsseaways.de und www.stenaline.de

 

 

Weitere Informationen:

Jedes der drei Länder hat seine eigene Webseite, wenn es um die wichtigsten Reise-Informationen geht. Einen sehr guten ersten Überblick bieten diese offiziellen Online-Auftritte:

Litauen:
www.lithuania.travel/de

Lettland:
http://www.latvia.travel/de

Estland:
www.visitestonia.com/de

 „Neues vom Nachbarn – 26 Länder, 26 Menschen“

heißt das erste Buch von Oliver Lück. 20 Monate ist der Journalist und Fotograf in seinem VW-Bus durch Europa gefahren, um besondere Menschen zu treffen und deren Geschichten aufzuschreiben. Auch im Baltikum: In Litauen trifft er Bernsteinfischer. In Lettland begegnet er einer Frau, die am Strand vor ihrer Haustür bereits 40 Flaschenpostbriefe gefunden hat. Und in Estland besucht er waghalsige Schaukler, die einen Sport machen, den es nur dort gibt: Kiiking. Insgesamt sind es 50.000 Kilometer – von Norwegen bis nach Portugal, von der Slowakei bis nach Nordirland.

Und auch in seinem neueste Buch "Flaschenpostgeschichten". Von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee geht es um Menschen, die am Meer leben - sie haben Flaschenpost geschrieben oder gefunden.

Oliver Lück
Neues vom Nachbarn – 26 Länder, 26 Menschen
(Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 32 Bildseiten, 9,99 Euro)
ISBN 978-3499628412

Oliver Lück
Flaschenpostgeschichten. Von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten, 32 Bildseiten, 9,99 Euro)
ISBN 978-3499630859

Mehr unter www.lueckundlocke.de

Text und Fotos: Oliver Lück